Hand aufs Herz: Wann hast Du Dich das letzte Mal so richtig über etwas gefreut, was Du erreicht hast? Gab es in der letzten Woche, im letzten Monat oder im abgelaufenen Jahr solche Gelegenheiten? Hast Du Dich gefeiert, wenn beispielsweise beruflich etwas wie geplant geklappt hat? Oder falls Du selbstständig bist: Hast du Dich gefeiert, als Du den letzten Kunden gewonnen hast?

Vielleicht denkst Du jetzt: „Warum sollte ich denn so etwas Alltägliches feiern? Das ist doch nichts Besonderes. Das ist halt mein Leben.“. Damit hast Du im Grunde nicht unrecht. Wenn wir so richtig im Alltagstrott stecken, dann kann schnell der Eindruck entstehen, dass wir uns in einer einheitlichen grauen Masse von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft bewegen. Jeden Morgen aufstehen, die vermeintlich wichtigen und dringenden 2do’s erledigen, ein Projekt abschließen, ein nächstes Projekt starten, Telefonate führen und dann noch versuchen ein wenig Zeit für die Familie und Freunde zusammen zu kratzen. So vergeht ein Tag nach dem anderen. Ausnahmen von dieser Regel gibt es relativ selten. Vielleicht dann, wenn Du feststellen musst, dass irgendwas grade gnadenlos in die Hose gegangen ist.

Allein der Gedanke an dieses Szenario – welches ich sicherlich etwas überzeichnet darstelle – lässt bei mir das Energielevel gegen Null sinken. Kennst Du solche Phasen?

Ich möchte Dir aus meiner persönlichen Erfahrung erzählen. Ich bin jetzt schon über 18 Jahre selbstständig. Und solche Phasen kenne ich nur zu gut. Zumindest war ich lange Zeit mit ihnen sehr „freundschaftlich verbunden“. Nicht genug, dass es diese Phasen gab. Damals kamen dann hin und wieder doch wirklich Menschen um die Ecke, die mir erzählen wollten, dass ich doch ein tolles und erfolgreiches Business betreibe. Mir waren solche – bestimmt gut gemeinten – Belobigungen lange Zeit richtig unangenehm. Ich habe sie sofort herunter gespielt mit Sätzen wie: „Das ist doch gar nicht so wild. Ich mache doch nur meinen Job, für den ich mich irgendwann mal entschieden habe.“

Vielleicht hast Du jetzt den Eindruck, dass ich einfach ein komischer Typ war. Ein komischer Typ, der ein Problem mit sich und der Welt hatte. Heute sage ich mit einem Augenzwinkern: Ein Fünkchen Wahrheit könnte sich dahinter verbergen. Allerdings behaupte ich auch, dass wir alle komische Typen sind – jeder auf seine ganz eigene, liebenswerte Weise. Zum Glück hat bei mir irgendwann ein Erkenntnisprozess eingesetzt: Als ich meine Coaching-Ausbildungen absolviert habe, war ich viel mit dieser Anerkennung von Anderen konfrontiert. Denn die Ausbildungskolleginnen und -kollegen hatten für mich, der damals ca. 12 Jahre selbstständig war, sehr viele lobende und anerkennende Worte übrig. Das war anfangs, wie Du Dir vielleicht vorstellen kannst, eine echte Herausforderung! Als dieser positive Zuspruch über längere Zeit nicht weniger wurde, fing ich an, darüber nachzudenken. War es vielleicht tatsächlich eine großartige Leistung, so lange selbstständig zu sein? Konnte ich das wirklich als ein Erfolg verbuchen?

Dank dieser ersten Gedanken, dieses ersten Funkens, begann ich, mich mit dem Problem des komischen Typen zu beschäftigen. Und ich fand relativ schnell heraus, dass ich nicht per se ein Problem mit mir hatte. Ich hatte lediglich ein Problem mit einem Teil meiner Persönlichkeit. Es gab immer wieder einen Anteil meiner Persönlichkeit, der versuchte alles, was ich tat, perfekt zu machen. Einen Anteil, der jeden Handgriff von mir hinterfragte und – in aller Regel – fand, dass es einfach noch nicht gut genug war. Der Blick auf die Quartalszahlen lösten also kein „Klasse. Weiter so!“ aus, sondern eher ein „Na, das ist aber noch lange nicht gut genug!“ Und mit diesem Fokus kann man schlicht und ergreifend keine Freude entwickeln. Noch weniger kann man sich selbst und die eigenen Ergebnisse feiern.

Ich hatte es also mit einem inneren Kritiker zu tun. Einem Kritiker der mir all die Jahre einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Heute treffe ich in meiner Arbeit als Life-Coach auf Menschen, bei denen es ähnliche Muster gibt. Bei denen auch der innere Kritiker – mal mehr mal weniger – die Tagesordnung bestimmt. Und der dafür sorgt, dass weder große noch kleine Erfolge anerkannt und gefeiert werden können. Weil sie noch nicht einmal als solche wahrgenommen werden.

Schritt für Schritt den Fokus verschieben

Die Frage aller Fragen könnte also an dieser Stelle lauten: Wie lässt sich der innere Kritiker überlisten, dass die eigene Arbeit, die eigene Leistung wertgeschätzt und am Ende sogar gefeiert werden kann? Ich glaube, es hat an dieser Stelle nicht wirklich etwas mit überlisten zu tun. Denn der innere Kritiker ist, wenn wir ihn besser verstehen, eine unterstützende Instanz. Er will uns und unsere Leistungen verbessern und optimieren. In diesem Sinne lässt er sich als eine Art „Qualitätsmanager“ begreifen.

Wir haben also viel mehr die Aufgabe uns neu zu programmieren. Denn viel zu lang haben wir uns von der Sicht des inneren Kritikers konditionieren lassen. Die Aufgabe ist also, sich ganz bewusst dafür zu entscheiden, sich auch über die ganz kleinen Erfolge und Erlebnisse zu freuen. Hierzu habe ich vor einiger Zeit eine wunderbare und zugleich unglaublich einfache Übung kennengelernt. Diese Übung möchte ich Dir gerne mit auf den Weg geben:

Teil 1 der Aufgabe: Nimm oder kaufe Dir ein Notizbuch, bei dem Du den Eindruck hast, es könnte Dir Spaß machen, hierin etwas aufzuschreiben. Zudem suche Dir noch einen schönen Stift, mit dem es eine wirkliche Freude ist zu schreiben. So einfach ist der erste Teil der Aufgabe. 

Teil 2 ist genau so einfach, braucht allerdings ein wenig Disziplin: Nimm Dir ab sofort jeden Abend Dein Notizbuch und Deinen Stift zur Hand und lass den Tag nochmal Revue passieren. Denk ausschließlich an die Dinge, die am zurückliegenden Tag gelungen sind – ganz gleich wie groß diese Dinge waren. Schreibe die für Dich wichtigsten Punkte in Dein Notizbuch. Jetzt kannst du jeden Tag noch eine Headline über Deine Tagesnotizen schreiben: „Was am heutigen Tag gut war, und mir Freude gemacht hat!“. Und bitte: Fang klein an! Zu Beginn reicht es, wenn Du 2-3 Dinge aufschreibst. Diese drei Punkte könnten beispielsweise sein:

  1. Ich habe heute bei meinem Lieblings-Italiener zu Mittag gegessen.
  2. Das Telefonat mit Herrn Meier war sehr zielführend.
  3. Die Sonnenstrahlen haben mich angenehm gewärmt.

Verstehe diese drei Punkte bitte wirklich nur als Beispiel. Schau was an Deinem Tag gut war und mach Dir entsprechende Notizen. Wenn Dir mit ein wenig Übung danach ist, dann erweitere gerne die Anzahl der Dinge, die Du aufschreibst. Wenn Du mit ein wenig Ausdauer und Geduld an die Sache gehen, wirst Du feststellen, welche positive Auswirkungen diese Verschiebung Deines Fokus für Dich hat.Ach ja: Wenn Dir das alles ein wenig zu viel Tagebuchcharakter hat, dann nimm einfach einen Zettel und Deinen Lieblings-Stift. Das wirkt genauso gut…